Hypothesen, immer nur Hypothesen… die alltägliche therapeutische Realität

Wie gerne hätten wir die absolute Sicherheit bei unseren Behandlungen – unsere Diagnose stimmt, die angewandten Interventionen greifen und … der Patient heilt. Leider, oder Gott sei Dank, nicht die therapeutische Realität. Das Wissen um und die Beschäftigung mit Hypothesen könnte uns einen großen Dienst erweisen und wir würden dabei möglicherweise auch noch situativ wissenschaftlich arbeiten – eine große Chance.

Arbeitshypothesen

„Wer heilt hat Recht“, so einfach wird das häufig gesagt. Aber was ist, wenn die Heilung nicht stattfindet? Hat man dann „Unrecht“, hat was „falsch“ gemacht? Welche Wertung sprechen wir aus, wenn die erhoffte Wirkung ausbleibt? Eine mögliche Hilfe, neben der Betrachtung der Einstellung des Patienten und Therapeuten in Bezug zur Heilung und Gesundheit, könnte die Anwendung von Hypothesen sein – „Arbeitshypothesen“ werden diese genannt. Sie entstehen auf der Grundlage des therapeutischen Selbstbildes von Patient und Therapeut, den erhobenen Befunden während der Anamnese und den somatisch-energetischen Untersuchungsmethoden sowie den Veränderungen während des therapeutischen Prozesses. Wir alle kennen, als Therapeut und als Patient, dass wir gerne die „absolut richtige Diagnose“ bekämen – denn dann wäre ja auch die „absolut richtige Therapie“ möglich.

Plausible Einschätzungen

Sich davon zu lösen scheint sowohl für viele Patienten als auch deren Therapeuten eine enorme Aufgabe zu sein. Sich einzulassen auf eine momentan sinnvolle Einschätzung der Situation, welche die meiste Plausibilität in sich trägt, ohne dass jedoch dabei alle Faktoren greifbar und kontrollierbar sind, ist im Praxisalltag häufig hilfreich und sinnvoll. Dabei lassen sich beide auf diesen Prozess ein: Patient und Therapeut. Gemeinsam beschließen sie diese Arbeitshypothese oder momentane Zustandsbeschreibung und gemeinsam werden den damit zusammenhängenden therapeutischen Interventionen zugestimmt.

Beziehung und Vertrauen als Grundlage

Die Grundlage dieses Vorgangs ist das Vertrauen – in sich, in den Anderen, in die Veränderung, in die Dynamik – die Beziehung ist dafür ausschlaggebend. Beziehung zu sich, zu anderen, zu einem größeren Ganzen. Eingebunden sein, gemeinsame entscheiden. Hypothesen werden der Situation gemäß angepasst, Hypothesen sind weder richtig noch falsch. Sie bieten die Grundlage, worauf sich die gemeinsame Arbeit von Patient und Therapeut an einem bestimmten Problem entfalten kann. Gegenseitiger Respekt und Anerkennung, das Wissen um die wechselseitige Unterstützung im gesamten diagnostisch-therapeutischen Verlauf, die aufrechte und direkte Kommunikation, die Bindung und Entbindung im therapeutischen Beziehungsgefüge sind einige Aspekte, die es möglich machen, Hypothesen aufzustellen und mit ihnen zu arbeiten.

Wissenschaftlich?

Und was soll daran wissenschaftlich sein? Wissenschaft beruht auf dem Sammeln von Informationen, dem Stellen von Fragen, dem Aufstellen von Hypothesen und dem sorgfältige Umgang mit der Betrachtung des momentanen Wahrheitsgehaltes derer. Fügen wir die Beziehungskomponente hinzu können wir von einer Praxissituation sprechen, worin gemeinsam nach der bestmöglichen Lösung für ein Problem gesucht wird oder worin es möglich wird, sowohl Problem als auch Lösungsansätze situativ anzupassen – eine lebendige, selbstverantwortliche, menschenfreundliche Wissenschaft.

Euer Gert

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