Auch Worte berühren…

Im modernen therapeutischen Verständnis wird immer mehr Rationalität eingefordert.
Wir in unserem Praxisalltag haben es aber als Menschen mit Menschen zu tun. Und der Mensch ist weitaus mehr als nur Rationalität. Verstand und Gefühl, ineinander unscharf verschränkt, ist das was Menschsein ausmacht.

Folgerichtig sollte gute therapeutische Literatur ebenfalls in entsprechend verschränkter wissenschaftlicher als auch poetischer Sprache geschrieben sein. Das aber findet man höchst selten. Um so erfreulicher ist es, diese Verschränkung in den Schriften eines der Gründerväter der Osteopathie gelegentlich zu finden:

Die kaum bekannten Schriften von John Martin Littlejohn zeichnen sich zwar überwiegend durch klare wissenschaftliche Sprache aus, hin und wieder stolpert man über Textstellen wie diese:

„Wenn Sie Ihre Hände auf einen Kranken legen, dann tun Sie das so ehrfürchtig, als würden Sie den Urmechanismus von Erde und Himmel berühren […][1]

Das eher pathetisch klingende Wort ehrfürchtig, aber auch der Ausdruck Urmechanismus von Erde und Himmel ließen mich innehalten.  Mir kamen erst einmal Gedanken wie: unzeitgemäß, altbacken, überheblich. Andererseits war ich aber auch seltsam berührt.

Warum berührte es mich?

Es berührt mich, weil hier jemand den Mut hatte, gerade in einem therapeutisch – wissenschaftlichen Kontext ganz selbstverständlich einen zutiefst menschlichen Begriff zu benutzen.  Um uns in einer modernen Medizinwelt zu etablieren, die immer wissenschaftlicher wird, zahlen wir einen hohen Preis: Begriffe wie ehrfürchtig, (Demut, Liebe, Menschlichkeit) verschwinden aus der therapeutischen Literatur – und damit auch aus unserem klinischen Alltag und damit schließlich auch aus unserem Bewusstsein.

Ein Wesenszug der Osteopathie, so wie ich es als Vertreterin des Upledger Institut Deutschlands verstehe, ist der Respekt vor dem Menschen, Respekt davor was den Menschen ausmacht in all seiner Gesamtheit.

Wäre es da nicht nur konsequent, in unseren Schriften und in unserer Sprache wieder mehr menschliche Ausdrücke zu verwenden? Nicht pathetisch, sondern mutig, ruhig, uns selbstverständlich – so wie es einer der Gründerväter der Osteopathie getan hat.

Theresa Nivelnkötter

praxis@osteopathie-paehl.de


[1] Aus der Abschlussrede des Jahres 1898, an die Studenten der American School of Osteopathy, in: JM Littlejohn, 2009. Das große Littlejohn-Kompendium (https://www.jolandos.de/shop/literatur/jolandos-titel/45/das-grosse-littlejohn-kompendium?number=679564), JOLANDOS Verlag, Pähl. S. 17

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