Frieden finden

Es ist wohl nach wie vor schwierig, die Dinge, die man in den Kursen CST 3-5 oder HCT 1-3 lieben gelernt, hat auch am Patienten umzusetzen. Daher möchte ich mit euch eine für mich sehr eingängige und für Patienten bislang leichte Übung teilen.

Der Hintergrund dafür, ist das Anerkennen und Achten von Gefühlen, die ich am liebsten- und ich spreche mal nur von mir- nicht hätte. Immer, wenn ich in Angst, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung oder in ähnliche phantastische Gefühlswelten komme oder drohe dort hineinzugeraten, neige ich zu bestimmten Verhaltensmustern, die ich zweckdienlich als Vermeidung einsetze. Teilweise so früh und schnell, dass ich das eigentliche Gefühl gar nicht wahrnehmen muss. Reflexartig entstehen Muster der Verdrängung oder auch Muster, in die ich hineinfalle- in diese andere Welt, in der es mir gefühlt schlecht geht. Eigentlich ist das letztere der wohl bessere Weg, denn er führt zumindest dazu, dass ich diesem Gefühl begegne.

Anstatt aber zu erkennen, welcher Teil von mir sich dort so fühlt, denke und fühle ich, dieses Gefühl habe ich, bin ich. Ich glaube diesem Gefühl einfach- weil es existiert. Ich fühle, also bin ich das was ich fühle.  Was mir aber meist zunächst nicht klar ist, ist wie alt dieses Gefühl eigentlich schon ist und wie lange es schon an der immer gleichen Stelle im Körper zu fühlen war. Ich kann dies auch erst in einem relativen Zustand von Ruhe- oder lass mich sagen-Sicherheit tun. Mich innerlich hinzusetzten, nicht mehr davonzulaufen und meine inneren Wände hoch zu laufen, sondern mich dem Gefühl zu stellen. Mich diesem Gefühl gegenüber zusetzten und ins Gesicht zu schauen ist schwierig. Augen (Alaya Chickly) sind hier durchaus hilfreich. Ich kann auch eine Gestalt nehmen (Fritz Perls)  oder einfach ein Bild einladen oder andere Dinge (John Upledger/ Gert Groot Landeweer), um diesen Vorgang zu erleichtern. Was es für mich aber meistens wirklich leichter macht ist, wenn mich dabei jemand begleitet und einen sicheren Raum dafür herstellen kann. Mir hilft dabei eine ruhige sanfte verständige Stimme, die mir das Gefühl gibt, ich muss da nicht allein durch, da ist jemand bei mir!

Dies ist für mich der erste Schritt in die andere Richtung. Sonst bin ich immer bestrebt, vor diesem Etwas davonzulaufen, entweder nach Außen oder nach Innen. Ganz egal, ist meist typbedingt, läuft aber auf dasselbe hinaus.

Diese 180 Grad Drehung, die ich da vollziehe, kostet Mut. Wenn ich mit jemandem nicht grün bin oder Angst vor demjenigen habe, kann ich ihm oder ihr auch nicht gut in die Augen schauen, oder?

Aber erstaunlich ist, was passiert, wenn ich vorbehaltlos diesem Gefühl ins Angesicht blicke.

Was mir innerlich dabei hilft, ist im Hinterkopf zu behalten, dass es aus der Vergangenheit kommt und in der Gegenwart wieder wachgerufen worden ist, durch einen ähnlichen Reiz, durch eine ähnliche Angst. Gefühle, die mich in die Flucht schlagen und in Panik versetzten können, während sie bei Licht betrachtet eigentlich banal sind, bringen sie mich in eine kindliche Reaktionslage zurück. Ich fühle mich wieder wie drei oder vier Jahre alt und bin nicht in der Lage „erwachsen“ zu reagieren. Die ganze Situation gerät zu einer Kindergartenveranstaltung. Kommt dir das irgendwie bekannt vor. Ich kenne das gut!

Ich hinterfrage also nicht das Gefühl und ziehe es in Zweifel, sondern kann mir vorstellen, dass es irgendwann einen sehr guten Grund für diese Angst, diese Panik gegeben haben muss. Ich habe es nur besser vergessen als mich ständig daran zu erinnern. Es war gut, als es vorüber war, aber war es auch vorbei?

Zunächst sage ich dem Gefühl (den Augen, der Gestalt oder Farbe) gegenüber „Ich kann dich sehen und ich fühle dich“. Und mit der Rückbetrachtung wie lange ich dieses Gefühl schon kenne, kann ich vielleicht auch sagen „Ich habe Dich nur vergessen müssen, damit ich das durchstehen konnte und ich weiß nicht einmal mehr was es war!“ Und plötzlich kann ich sehen wer mir da gegenübersitzt und wie er sich eigentlich fühlt. So traurig und verlassen und dankbar das ich Ihn jetzt endlich sehen kann! Er ist plötzlich nicht mehr allein!

Wenn ich sehen und fühlen kann wie er sich fühlt, dann kann ich verstehen was er braucht damit er sich nicht mehr so fühlen muss. Ich verstehe jetzt, das dies ein jüngerer Teil von mir ist, ein kleiner Bruder der zurückgelassen wurde in der Zeit, der einfror mit diesem Gefühl als ich mich abtrennen musste um die Situation emotional zu überleben! Was auch immer es war. Manchmal offenbart es sich hier, aber es ist in diesem Moment gar nicht nötig zu wissen was es war!

Ich nehme ihn in die Arme und halte ihn, als das was er ist: ein einsamer verletzt zurückgelassener Anteil meiner Person / Seele (ich weiß es nicht wirklich)! Aber was dann geschehen kann, ist erstaunlich! Das Gefühl wandelt sich komplett und es entsteht eine Art Entspannung, ein Frieden im Körper und Geist (und Seele?) So als ob ein lange verloren geglaubter Bruder/Schwester zurückgekehrt ist. Immer durch dieses Gefühl verbunden, aber nicht zusammen, immer getrennt. Ich habe ihn wieder, diesen verloren geglaubten unschuldigen Teil, von dem ich immer gedacht habe, er wolle mir was Schlechtes, solange ich nicht wusste wer er eigentlich ist! Dieser Anteil brauchte mich eigentlich immer nur, um sich wieder verbunden fühlen zu können, um sich nicht allein und abgetrennt zu fühlen. Er rief nach mir durch das Gefühl! Jetzt kann es sich wieder komplett anfühlen. Jetzt sind „alle“ wieder da. Das nicht bewusste Gefühl von getrennt sein kann nun heilen. Dies ist schon eine Art Heilung, die einsetzten kann, wenn ich nicht mehr aus guten  Gründen das Falsche tue. Ich kann mit der Strategie aufhören, vor dem Schmerz davonzulaufen. Diese Hinwendung zum Gefühl hin erlaubt mir eine andere Perspektive, erlaubt mir in Frieden zu kommen und den inneren Krieg zu beenden. Sie erlaubt mir zu erkennen und zu verstehen das ein Gefühl wirklich einen guten Grund hat, es ist nur in der Zeit eingefroren wurde, durch mein inneres Abwenden im Schmerz und Panik weil ich damals keinen anderen Weg sah! Und es in der Tragweite mit dem heutigen Geschehen nur wenig zu tun hat. Die Verhältnismäßigkeit kann zurückkehren.

Vielleicht fragst du dich jetzt wie du daraus jetzt eine Übung machen kannst? Die Übung wäre leicht, wenn du einfach auf diesem Hintergrund deinem Patienten mit deinen Werkzeugen und Worten die Möglichkeit einer Erfahrung schenkst.

Diese Übung ist nicht gedacht als therapeutisches Instrument, sondern als eine Vorbereitung für tiefere Arbeit. Manchmal ist dieses Annähern an das Gefühl auch über den zeitlichen Rahmen wichtig, um wieder in einen „fluiden“ Bereich zu kommen und die Spannungen im Körper daraufhin zunächst nachlassen können. Es wird leichter für die Energie zu fließen und Informationen zu erreichen.

Aus meiner Erfahrung heraus ist es, je empathischer meine Begleiter bei dieser Arbeit sein konnten, umso hilfreicher ist dies für mich gewesen! Ich habe dadurch mir selbst gegenüber die Empathie und das Mitgefühl entwickeln können, dass nötig war, um meine Anteile wiederzufinden und mich immer ein Stück „Ganzer“ zu fühlen und den Frieden in mir zur erweitern.

Für mich ist dies die Essenz der Arbeit, die ich erfahren habe und weitergeben darf! Ich habe sie von Menschen gelernt, die ich sehr schätze und ich weiß, dass sie, wie ich auch, Menschen sind, die auf der Suche nach Frieden sind. Ich glaube sehr daran, dass je mehr Kriege wir im Inneren beenden können die Kriege draußen weniger werden.

 

Thomas Gross

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