Handwerkszeug: Flexionstest im Stand

Der Beckengürtel ist die Kreuzung des Körpers, sein architektonisches Zentrum, Treffpunkt des Bewegungsapparates, Rastplatz des Torsos, Tempel der Fortpflanzungsorgane, Wohnort für sich neuentwickelndes Leben, Sitz der beiden Hauptausscheidungssysteme und – last but not least – etwas, auf das man sich setzt…

Wenn der Osteopath sich der Zusammenhänge zwischen den knöchernen Strukturen des Beckenrings und der richtigen Körpermechanik, dem Kreislauf, Beckenorganen und Beinen, reflektorischen Störungen und entfernten Körperregionen durch endokrin oder neurogen verfälschte Physiologie bewusst ist und zudem Diagnostik und manipulative Korrekturtechniken beherrscht, besitzt er das wichtigste Handwerkzeug, um jede Therapie zu beginnen.

Der Test:

  • ist aussagekräftig für Einschränkungen, die das Becken von den Beinen aus beeinflussen
  • wird verwendet, um die Seite der eingeschränkten Beckenbewegung bei pubischer und / oder iliosakraler Dysfunktion zu identifizieren

Durchführungskriterien:

  • Stand:
  • barfuß
  • aufrecht
  • symmetrische Gewichtsverteilung auf beide Füße
  • Zehenspitzen zeigen symmetrisch nach vorne
  • Standbreite: Ferse unter Acetabulum
  • Arme hängen locker am Körper
  • Eventuelle Beinlängendifferenz ausgleichen

Anweisungen an Patienten:

  • so weit wie möglich nach vorne beugen (versuchen mit Fingern die Zehen zu erreichen)
  • Knie gestreckt halten
  • die Beugung ca. 20 Sek. halten (wegen ev. verkürzter Muskulatur – Ausgleichsmöglichkeit)

Häufige Fehler:

Das Abrutschen der Daumen nach superior, durch die Straffung der Haut und Faszien, infolge der Vorbeuge

Interpretation der Befunde:

  • Physiologisch: die SIPS bewegen sich, bei vollständiger Vorbeuge, beidseits symmetrisch nach superior
  • Ein positiver Befund liegt vor, wenn eine SIPS sich weiter bewegt, nachdem die Bewegung der Gegenseite beendet ist.
  • Wenn dies schon zu Beginn der Vorbeuge auftreten sollte, bedeutet es praktisch fehlende ISG Mobilität (selten)
  • Wenn erst gegen Ende der Vorbeuge (meistens der Fall) dann eher eine leichte Einschränkung der ISG Gelenks
  • Eine Differenz superior – inferior von 1-2 cm ist ein deutlich positiver Befund, 0,5 – 1 cm leicht positiv

Falsch positiv:

  • bei Verkürzung/Hypertonus der ischiocruralen Mm – kontralateral
  • bei Verkürzung/Hypertonus des M. quadratus lumborum – ipsilateral
  • wenn der Unterschied zwischen der inferioren und superioren Position der SIPS im Sitzen deutlich und im Stehen nur leicht ist, handelt es sich wahrscheinlich um einen Übertragungseffekt vom Test im Sitzen (SIG) zum Test im Stehen (ISG), und es liegt keine ISG Läsion vor.

Falsch negativ:

  • Ein beidseits positiver Befund erscheint scheinbar negativ Empfehlung: Durchführung des Storchtests. Er hilft einen bilateral positiven Flexionstest im Stehen von einem negativen Flexionstest im Stehen zu unterscheiden

Überlappungseffekt:

Sind die Befunde beim Flexionstest im Stehen an der WS deutlicher       ausgeprägt als im Sitzen, so besteht der Verdacht auf eine Dysfunktion an den  unteren Extremitäten. Ist der Befund an der Wirbelsäule während des         Flexionstest im Sitzen stärker ausgeprägt als im Stehen, so liegt der Verdacht  auf eine Dysfunktion kranial des Beckens nahe.

Literatur: Fred l. Mitchell, Jr., P. Kai Galen Mitchell: Handbuch der MuskelEnergieTechniken Band 3; Diagnostik und Therapie: Becken und Sakrum

„Fühlen“ – und was Wertungsfreiheit damit zu tun hat

Ist das Verschmelzen von mir als Therapeutin und von Seiten des Patienten gelungen, beginnt das Fühlen. Es geht zum einen darum, zu fühlen was jetzt gerade im Körper passiert, zum anderen was eine Kraft, die ich auf den Körper des Patienten bringe, bewirkt- sei sie physikalischer, energetischer oder verbaler Natur. Nur so ist eine unmittelbare Anpassung meiner angebotenen Kraft auf die Reaktion des Systems möglich und lässt die angewandte „Technik“ individuell abstimmbar auf die Möglichkeiten und Grenzen des Gewebes, des Systems und des Menschen werden. Ein so behandelter Mensch fühlt sich meist „gesehen“ und häufig in seinem Wesen berührt. Dies wiederum eröffnet den in unserem Kontext häufig erwähnten sicheren Raum, in dem die begleitete Innenschau – unter der Voraussetzung von „Wertungsfreiheit“, „neutraler Empathie“, „Toleranz“, „Realitätsbezug“, „Authentizität“, „parteilosem Verständnis“ – stattfinden kann.

Was haben diese Voraussetzungen aber praktisch betrachtet mit der Fähigkeit zu Fühlen zu tun? Einfach gesagt: Wertung findet im Kopf statt und Fühlen im Körper. Solange ich mich als Therapeutin im Kopf aufhalte und mit Bewertungen, Meinungen und Gedanken beschäftige, kann ich nicht fühlen was sich jetzt gerade unter meinen Händen abspielt.

Bewertung bedeutet Distanz, zu mir und anderen. Therapeutische Neutralität ermöglicht Beziehung zu mir und anderen.

Unter die Lupe genommen, beginnen die Bewertungen in der Praxis häufig schon, bevor der Patient überhaupt auf der Bank liegt, indem ich mir als Therapeutin Gedanken mache wie z.B.: „Werde ich das überhaupt hinbekommen mit der Behandlung?“, „Ach jetzt kommt Herr. M., den kann ich nicht so gut leiden“, „Heute habe ich keinen guten Tag“, „Das lerne ich alles sowieso nie“, etc. Auf diese Meinungen über mich selbst, derzeitige Umstände und Befindlichkeiten vor der Behandlung ,folgen dann häufig währenddessen noch die Zweifel an den eigenen Fähigkeiten.

Genau hier fängt aber schon das Fühlen an, wie wir es für unsere Art von Arbeit benötigen. Um das JETZT wahrnehmen zu können, bedarf es des ausreichenden Verzichts auf Meinung, Zweifel, Glaubenssätzen und Vergleichen, mir selbst und der momentanen Situation gegenüber, zu Gunsten einer beschreibenden Wahrnehmung. Das ermöglicht mir aus dem Kopf in die Hände zu kommen und in das Fühlen hinein, wie etwas „wirklich“ ist, jetzt, genau in diesem Moment. Nur beschreibend können aus meiner Sicht die meist möglichen Aspekte der momentanen Realität gesammelt werden. Eine Meinung haben bedeutet dagegen, einen wahrgenommenen Reiz durch den eigenen Erfahrungsfilter laufen zu lassen und ihn für mich auf „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten und damit zu verändern, da Aspekte des eigentlichen Reizes herausgefiltert werden. Das Ergebnis meiner Bewertung kann zu einer Verzerrung der Realität des Patienten führen und entfernt mich eher von ihm, anstatt mich ihm näher zu bringen.

Will ich also den sicheren, neutralen Raum eröffnen und zur Innenschau bereitstellen, gilt es sich in Gedankenkontrolle zu üben und diese Art von Bewertungen zu stoppen und stattdessen in die beschreibende Wahrnehmung einer Momentaufnahme zu gehen. Möglicherweise mache ich dann die Erfahrung, dass sich zuvor gemachte Sorgen und Zweifel gar nicht bewahrheiten und, dass ich „positive“ Dinge wahrnehme, die ich mir zuvor gar nicht erdenken konnte.

Meinen emotionellen Erfahrungsschatz, mit allen seinen Höhen und Tiefen, kann ich dann später nutzen und zwar nicht als Filter, sondern wenn es darum geht den eventuell aufkommenden Gefühle des Patienten Raum zu geben und diese empathisch zu begleiten. Während des wahrnehmenden Fühlens, lasse ich ihn jedoch beiseite.

Und wie kann man das praktisch umsetzen? Zunächst gilt es eine Entscheidung zu treffen, sich der Welt des Gegenübers öffnen zu wollen und dabei auf die eigenen Meinungen, Maßstäbe und Urteile zu verzichten, denn dessen Welt könnte sich möglicherweise ganz anders darstellen und anderen Mustern folgen als die eigene. Weder besser noch schlechter, nur anders und in sich genauso folgerichtig und verständlich.

Diese bewusste Entscheidung auf Meinung zu verzichten, öffnet mich unmittelbar für das „Jetzt“, den Moment, den Körper des Patienten bewusst wahrzunehmen und für die Möglichkeit, zu fühlen was ist. Es ist eine Entscheidung zur Bewusstseinsschulung, die ich jederzeit fällen kann. „It‘s all about decisions“ sagte John Upledger dazu. Allein ein Gedanke, das Wechseln des Fokus, die Absicht und meine Wahl der Ausrichtung genügt und etwas kann sich im „Jetzt“ verändern, oder wie Upledger mal erwähnte: „the shortest distance between two points is an intansion“. Es braucht dann zugegebener Maßen im Weiteren noch Übung, um diese therapeutische Wertungsfreiheit in mir so zu installieren, dass sie automatischer einsetzbar ist. Aber dazu habe ich wiederum viel Zeit und täglich ausreichend Gelegenheit. Und wenn es nicht gleich klappt, habe ich die Möglichkeit, mich zu entscheiden auch darüber keine entwertende Meinung mehr zu haben, sondern wähle jedes Mal wieder aufs Neue- für ein therapeutisch neutrales, empathisches Verständnis für mich selbst und andere.

 

Friederike Groot Landeweer

„Geduld“

Nicht in einen Aktionismus zu verfallen, um die Dinge vermeintlich zu beschleunigen, sprich Geduld zu haben, ist etwas, was weder uns als Therapeuten noch als Patienten leicht fällt.

„Haben Sie etwas Geduld“ wird häufig mit „aushalten“, „erdulden“, „hinnehmen“ mit „Passivität“ assoziiert.

Doch Geduld zu haben ist ein aktiver Prozess, das bewusste Zurückhalten einer Handlung, im Vertrauen auf die inhärenten natürlichen Kräfte eines jeden Menschen. Ein Prozess der allerdings im Unsichtbaren bleibt.

Geduld zu haben, heißt Respekt vor der Zeit zu haben. Jedes Ding und somit auch jeder Heilungsprozess bedarf seiner eigenen Zeit. Jede Art von Beschleunigung wäre eine Störung dieser inneren Heilungskräfte.

Nichts anderes finden wir in dem kurzen Zitat: „Find it, fix it and leave it alone… “ Was nichts anderes heißt, als der Natur bis ans Ende zu vertrauen – und um ihretwillen zurückzutreten. Die Natur „macht“ nicht, sie passt geduldig an – und das benötigt Zeit. Das entspricht dem Geist der ursprünglichen Osteopathie A.T. Stills. Oder wie John Upledger immer wieder betont hat: „let time (nature) be your ally….“

 (Anregung aus: „Werte für die Medizin“ von Giovanni Maio)

Empathie und Selbstbestimmung?

Vor einiger Zeit las ich im Ärzteblatt einen Artikel, der mir danach stets immer wieder in den Sinn kam. Er handelte über die Veränderungen im ärztlichen Berufsgelöbnis, einen Wandel in Richtung Selbstbestimmung und Autonomie des kranken Menschen. Mir stellte sich dabei die Frage, wie dies in der täglichen Praxis Anwendung findet und finden könnte.

Viele Therapeutinnen und Therapeuten kennen es – der Alltag ist zeitlich stressig und ist doch nicht selten von hohen Erwartungen geprägt: Erwartungen des Patienten, der Angehörigen, der Arbeitgeber oder von den eigenen – denn es möge dem Menschen schnell und am liebsten dauerhaft besser gehen. Manch einer von uns fühlt sich dann berufen, die Kompetenz des Patienten aus den Augen zu verlieren und dabei die eigene Analyse oder Behandlungsmethode überzubewerten. Glücklicherweise verlaufen viele Behandlungen trotzdem gut. Aber könnte die Selbstbestimmung und Autonomie des Patienten nicht womöglich die Gesundheit dauerhaft und ganzheitlicher fördern?

Im ärztlichen Gelöbnis steht „die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit der Patientinnen und Patienten soll oberstes Gebot sein.“ Das gilt natürlich auch für die nicht-ärztlichen Behandler*innen. Was wird dabei jedoch als „Gesundheit“ angenommen?

Gesundheit ist nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Das bedeutet, dass es nicht ausschließlich darum geht, die körperlichen Symptome zu lindern.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt zum Thema Gesundheit Folgendes:

„Gesundheit ist also kein eindeutig definierbares Konstrukt; sie ist schwer fassbar und nur schwer zu beschreiben. Heute besteht in den Sozialwissenschaften und der Medizin Einigkeit darüber, dass Gesundheit mehrdimensional betrachtet werden muss: Neben körperlichem Wohlbefinden […] und psychischem Wohlbefinden (z.B. Freude, Glück, Lebenszufriedenheit) gehören auch Leistungsfähigkeit, Selbstverwirklichung und Sinnfindung dazu. Gesundheit hängt ab vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung und dem Umgang mit Belastungen, von Risiken und Gefährdungen durch die soziale und ökologische Umwelt sowie vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung, Erschließung und Inanspruchnahme von Ressourcen. Die Sozialwissenschaftlichen Definitionsversuche des Phänomens Gesundheit zeichnen sich dabei durch eine Komplexität aus, die historisch betrachtet als neu zu bezeichnen ist.“

Auch hier finden wir wieder, dass es neben den körperlichen Aspekten viele andere gibt, die den Menschen dazu verhelfen gesund zu sein.

Zum ärztlichen Gelöbnis hinzugefügt wurde: „Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patienten oder meines Patienten respektieren.“ – etwas  befremdlich für mich, wenn bereits im Grundgesetz verankert ist, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, gut jedoch, dass es explizit erwähnt wird.

Wir ,als Zugehörige einer medizinischen Berufsgruppe, haben die Möglichkeit, den Menschen zu empfehlen Risiken zu meiden (Prävention) und gesundheitsförderliche Maßnahmen anzuwenden – ganz abgesehen von den spezifischen Maßnahmen, die wir in unserem Beruf durchführen können. Was jedoch für den jeweiligen Menschen tatsächlich hilfreich ist, was er sich genau wünscht, wie das dann erreichbar sein könnte – auch autonom ohne mich –, und vieles mehr kann nur mit dem Menschen in seiner speziellen Situation mit sich und in seinem eigenen Umfeld und Umwelt angeschaut werden – vielleicht kann das als Achtung der Würde angesehen werden.

Was wir dabei durchaus überlegen dürfen ist, ob wir dem Menschen dann als wirklich selbstbestimmt ansehen und wir mit einer empathischen Herangehensweise auch die Eigenkompetenzen des Einzelnen einbeziehen. Aus meiner Sicht sind dabei die sogenannten “Soft-Skills“ sehr wichtig – aktives Zuhören, sorgfältiges Nachfragen und behutsames Verbalisieren von Informationen, die sich „zwischen den Zeilen“ befinden können.

Egal, ob wir DIE Spezialisten für den Körper und deren Funktionen sind, wenn wir „Ganzheitlichkeit“ ernst nehmen wollen, dann betrachten wir mehr als nur das und lassen den Menschen wissen, dass seine Eigenkompetenz die ganze Zeit wichtig ist, dass wir diese würdigen und für einen sinnvollen Gesundungsprozess benötigen.

Euer Gert

 

Quelle: https://www.aerzteblatt.de/archiv/194278/Weltaerztebund-Revision-des-aerztlichen-Geloebnisses

In Kontakt gehen

Ein paar Worte, die wir in der CranioSacralen Therapie bereits in CST 1 wie selbstverständlich  benutzen. Wir gehen in Kontakt mit unserem Gegenüber, um dann mit ihm zu verschmelzen. Wir gehen in Kontakt mit uns und dann mit dem Patienten im Modell von Therapeut und Patient von Dr. John Upledger. Wir gehen in Kontakt…!

Was bedeutet das für uns? Was tun wir da und wie sieht das in der Praxis aus? Ich glaube, dass es wert ist, vor allem nach den Beiträgen von Friederike Groot Landeweer über das Verschmelzen und der Beitrag von Rene Assink über das Polyvagale System, sich darüber ein paar Gedanken zu machen. Ich habe vor einigen Jahren beim Lesen von Gert Groot Landeweers Buch „Einführung in die CranioSacrale Therapie“ vom Irisiana Verlag dazu eine wunderbare Zusammenfassung über Kontakt gefunden. Und da dieses Buch im Moment leider nicht erhältlich ist, lohnt es sich aus meiner Sicht, diesen Beitrag hier aufleben zu lassen. Wer das Buch von Gert hat, findet diese Zeilen S. 67 unter dem Abschnitt Entspannung und Spannungslösung. Er schreibt dort:

„Um nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen: Ohne das Gefühl von Sicherheit ist Entspannung oder Spannungslösung nicht erreichbar. Was auch immer wir tun möchten um eine Entspannung oder Spannungslösung zu erreichen, Sicherheit, Geborgenheit oder Sich-Gehalten-Fühlen ist die Voraussetzung. Wir müssen dafür sorgen, dass reale Bedrohungen minimiert werden und dass dafür reale sichere Grenzen entstehen. Das geht nicht ohne Kontakt.

Die therapeutische Praxis hat gezeigt, dass es mindestens drei Ebenen gibt, auf der Kontakt eine Rolle spielt:

1. Allein in Kontakt mit sich kommen: Dieser Kontakt kann entstehen, wenn Sie sich Zeit nehmen, die Sie ausschließlich für sich nutzen können. In dieser Zeit haben Sie die Möglichkeit, sich mit Ihren Wahrnehmungen, Gedanken und Ideen, Erinnerungen und Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen kennenzulernen. Es ist die Zeit der Innenschau. Sie ist nur möglich, wenn äußere Bedingungen das zulassen, wenn der Alltag keine Handlungen oder Reaktionen von Ihnen verlangt. Im Kontakt mit sich selbst können Sie Sensitivität dafür entwickeln, Ihre Spannungen zu fühlen, sich ihr Ausmaß bewusst zu machen, sie bewusst zu lösen oder ihnen Dehnungen anzubieten, damit sie sich lösen können. Dafür braucht es

  • den Raum im Haus oder in der Natur, der den nötigen Schutz bietet
  • die Sicherheit, nicht oder nur bedingt gestört zu werden,
  • einen liebevollen, verständnisvollen und geduldigen Umgang mit sich selbst.

2. Mit Hilfe anderer in Kontakt mit sich kommen: Diese Form von Kontakt zu sich entsteht dann, wenn jemand anderer Ihnen hilft, den Kontakt nach innen zu intensivieren oder die Konzentration bzw. den Fokus zu verstärken. Die von jemand anderem unterstützte „Innenschau“ kann unterstützt werden durch

  • das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit oder Gehaltensein, das sich schon allein durch die Anwesenheit des anderen ergibt,
  • das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit oder Gehaltensein durch eine behutsame körperliche Berührung durch den anderen
  • das behutsame Unterstützen von Informationen, die in der „Innenschau“ zutage treten – durch mitfühlendes Zuhören, Sicheinfühlen und Nachfragen des anderen

3. Durch Hilfe für andere in Kontakt mit sich kommen: Diese dritte Form von Kontakt ist dann vorhanden, wenn Sie merken, dass durch helfenden oder unterstützenden Kontakt mit anderen ein verbesserter Kontakt mit Ihnen selbst entsteht. Das ist die positive Erfahrung, die Therapeuten mit sich machen. In der Begegnung mit einem Patienten erleben sie die heilende Wirkung von Sicherheit, Geborgenheit, Gehaltenseins, Vertrauen, Empathie und einfachen Dasein. Es ist eine beglückende Erfahrung für jemand anderen einen Raum zu Verfügung stellen zu dürfen, in dem eine heilsame Selbstbegegnung stattfinden kann und wo die Verantwortung für die Heilung nicht bei Ihnen selbst liegt. Sie sind ausschließlich als Begleiter und Zeuge anwesend und sichern für eine begrenzte Zeit den Raum, damit die „Innenschau“ des anderen möglich ist. Dr. Upledger beschreibt, dass dies ermöglicht werden kann durch

  • bedingungslose Anwesenheit oder Präsenz – Aufmerksamkeit, Empathie und Dasein
  • Wertungslosigkeit – nicht die eigenen Normen, Werte und Urteile sind wichtig, sondern die, die der andere fühlt, wahrnimmt der entwickelt,
  • Unparteilichkeit oder Neutralität – egal was in Ihnen hochkommt, bleiben sie neutral, beziehen sie keine Stellung in der Zeit, in der sie für jemand anderen den sicheren Raum zur Verfügung stellen
  • Zurückstellen eigener Interessen in der Zeit geht es nicht um Ihr Interesse, sondern darum, dass der Raum für den anderen zur „Innenschau“ bereitet bleibt. Das eigene Interesse macht ein sicheres und geschütztes Erforschen der inneren Vorgänge des anderen nahezu unmöglich.“

Diesen Zeilen von Gert Groot Landeweer ist nichts mehr hinzuzufügen und waren und sind immer noch für mich äußerst hilfreich. Ich hoffe, dass sie es auch für euch sein können.

Die polyvagale Idee – ein hilfreicher Ansatz für die viszerale und craniale Osteopathie

Das autonome Nervensystem funktioniert anders als lange angenommen wurde. Diese veränderte Sichtweise können wir dem Wissenschaftler Stephen Porges zuschreiben. Aufgrund intensiver Studien konnte Porges nachweisen, dass der Nervus vagus, der wichtigste parasympathische Körpernerv, zweigeteilt ist und demnach aus einem ventralen und einem dorsalen Teil besteht. Diese Zweiteilung des Nervs hat für das menschliche Kontaktverhalten- die Kommunikation– eine große Auswirkung. 1995 fasste Stephen Porges diese neuen Forschungsergebnisse unter dem Namen „Polyvagal Theorie“ zusammen.

Das autonome Nervensystem hat sich evolutionär immer weiterentwickelt. Es hat die Aufgabe übernommen, die inneren Organe über Aktivierung oder Inaktivierung an die jeweilige Lebenssituationen anzupassen. Als erstes entstand das Vagale-System (Parasympathikus), das dem dorsalen Kern im Hirnstamm entspringt. Dann bildeten sich neben dem Rückenmark sympathische Ganglien,  die für die maximale Mobilisierung der Ressourcen, vor allem für den Kampf- und Fluchtmechanismus verantwortlich sind. In der Phylogenese der Säugetiere teilte sich der Vagus in einen dorsalen und ventralen Nerv, die beide im Hirnstamm entspringen und sich zunehmend weiter voneinander entfernten. Im normal täglichen Gebrauch steht uns der neuere ventrale Parasympathikus zur Verfügung. Dieser Teil des Nervs, der auf Kontakt und Kommunikation ausgerichtet ist, wird auch das „social engagement system“ genannt. Kommt dieses mit einer Situation nicht zurecht und überfordert sich, wird der Sympathikus mit seinen Mobilisierungsstrategien aktiviert. Er bereitet uns auf das Kämpfen oder Fliehen vor. In dieser Phase ist die Kommunikationsfähigkeit, im Gegensatz  zum  normalen täglichen Gebrauch, stark eingeschränkt -„Don’t talk to me, I am scanning for danger“. Wenn auch dieses Lösungsmuster versagt, tritt der alte dorsale Vagus in Kraft und legt alles still, was dem Erstarrungsmuster entspricht. In dieser Phase haben wir mit einem noch stärker eingeschränkten Kontakt und eingeschränkter Kommunikation zu tun oder schalten das soziale Netz komplett aus.

Porges ist der Meinung, dass Therapie mehr ist als reden und zuhören. Nötig sind körperbetonte therapeutische Ansätze, die die Stammhirnfunktionen zur Ruhe bringen, womit Patienten in deren „Social Engagement System“ zurückgebracht werden, um so produktive Kommunikation und Kontakt zu ermöglichen.

Die Redensart „in der Ruhe liegt die Kraft“ bekommt hier nochmal eine neue Bedeutung.

Die CranioSacrale Therapie und die viszerale Mobilisation bieten beste Voraussetzungen, um den Patienten in den ruhigen Vagus Zustand zu bringen.

Verschmelzen – mehr als eine Technik

Es gibt viele Angebote auf dem Fortbildungsmarkt, in welchen gute und für Patienten hilfreiche Techniken vermittelt werden, welche wiederum in technisch einwandfreien Behandlungen angewandt werden. Auch das UID legt viel Wert auf Fachkenntnis und Präzision und einen ausreichend bestückten „Werkzeugkoffer“, mit denen von uns ausgebildete Therapeuten an Patienten herantreten können.

Darüber hinaus liegt unser Augenmerk in all unseren Kursen, egal in welcher Kursreihe, von Anfang an darauf die Fähigkeit des Fühlens zu vermitteln. Fühlen von Organen, Gewebe, Strukturen und deren anatomisch präzise Zuordnung. Aber auch dem Fühlen von Fluidität, Rhythmusqualitäten, Faszienzügen und den allgemeinen wie spezifischen, energetischen Qualitäten in einem System.

Dieser Fähigkeit geht jedoch der wesentliche Schritt, des Verschmelzens voraus, wie John Upledger es genannt hat. Er schreibt in seinem Buch „Lehrbuch der CranioSacralen Therapie“, Kapitel 2.3 dazu: „Die meisten von uns wurden angewiesen, mit den Fingerspitzen zu palpieren oder zu berühren. Diese Methode soll am besten geeignet sein, weil die Fingerspitzen als die empfindlichsten Teile der Hand gelten. Wir empfehlen jedoch, mit der ganzen Hand zu palpieren, mit dem Arm, ja sogar mit dem Bauch, je nachdem, welcher Teil des Körpers mit dem Patienten in Berührung kommt. Ziel des Therapeuten ist es, den palpierenden Teil seines Körpers mit dem anderen Körper, den er untersucht, zu ‚verschmelzen‘. Erfolgt diese Verschmelzung, so führt der palpierende Körperteil des Therapeuten dieselbe Bewegung aus wie der Körper des Patienten, es entsteht eine Synchronisierung….Der Schlüssel zu dieser Art von Palpation besteht darin, sich möglichst behutsam und nicht invasiv zu verhalten…. Die Grenze zwischen ihm und dem Patienten sollte irgendwo tiefer in den Körper des Therapeuten verlegt werden.“

John schreibt weiter dazu: „ Eine weitere Voraussetzung verdient erwähnt zu werden. Der Therapeut muss die Informationen, die er von seinen Sinnesrezeptoren (Anmerkung: aus dem Körper des Patienten) erhält, als echt betrachten.“

Im Laufe der Jahre wurde es immer deutlicher, welche Fülle an Informationen darüber hinaus noch in diesem Moment des Verschmelzens für Behandler und Patienten stecken.

Nachdem der Behandler in sich zu einem stabilen Kontakt gefunden hat und sich dem Patienten gegenüber geöffnet hat, legt er plan- und absichtsvoll die Hände auf dessen Körper, mit der Intension zu verschmelzen sowie der Bereitschaft nun Informationen aus dem Körper des Patienten wahrnehmen zu wollen.

Dadurch bekommt der Patient das meist unbewusst wahrgenommene Signal:

  • dass sich der Therapeut mit all seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und seiner Energie nun zur Verfügung stellt.
  • dass sich der Therapeut für all seine Befunde, sein Befinden, seine innere Welt interessiert.
  • dass eine Beziehung von Seiten des Therapeuten angeboten wird, auf deren Grundlage man einen gemeinsamen, geweblich-energetischen, therapeutischen Weg geht.
  • dass ein therapeutischer Raum eröffnet wird, indem die Prinzipien von empathischer Neutralität und Wertfreiheit so gut als möglich gelten.

Dem Therapeuten wird erst durch das Verschmelzen ein authentisches Erfühlen des Körpers und ein Einfühlen in das Energiesystems des Patienten möglich, sowie eine situative und jederzeit überprüfbare Einschätzung ermöglicht, wie stabil die Beziehungsbasis zum Patienten ist, für uns einer der wesentlichsten Faktoren in einem Heilungsprozess. Diese Information ergibt sich einerseits daraus wie schnell und leicht der Therapeut mit dem Körper des Patienten verschmelzen kann und andererseits aus der Fähigkeit des Patienten seinerseits mit den Händen des Therapeuten von innen zu verschmelzen und dort für die Dauer des Behandlungsprozesses zu verbleiben. Ebenso ist aber auch die Fähigkeit zur „Entschmelzung“ am Ende einer Behandlung von Bedeutung und kann uns Hilfe zur Reflektion über die Therapeuten-Patienten-Beziehung sein.

All diese Aspekte machen also deutlich, wie wesentlich und grundsätzlich das Verschmelzen bei der Arbeit mit Patienten ist, wenn wir sie im Sinne John Upledgers tun möchten und lässt uns sein Zitat „making the world a touch better“ in seiner Tiefe noch besser verstehen.

 

Friederike Groot Landeweer

Auch Worte berühren…

Im modernen therapeutischen Verständnis wird immer mehr Rationalität eingefordert.
Wir in unserem Praxisalltag haben es aber als Menschen mit Menschen zu tun. Und der Mensch ist weitaus mehr als nur Rationalität. Verstand und Gefühl, ineinander unscharf verschränkt, ist das was Menschsein ausmacht.

Folgerichtig sollte gute therapeutische Literatur ebenfalls in entsprechend verschränkter wissenschaftlicher als auch poetischer Sprache geschrieben sein. Das aber findet man höchst selten. Um so erfreulicher ist es, diese Verschränkung in den Schriften eines der Gründerväter der Osteopathie gelegentlich zu finden:

Die kaum bekannten Schriften von John Martin Littlejohn zeichnen sich zwar überwiegend durch klare wissenschaftliche Sprache aus, hin und wieder stolpert man über Textstellen wie diese:

„Wenn Sie Ihre Hände auf einen Kranken legen, dann tun Sie das so ehrfürchtig, als würden Sie den Urmechanismus von Erde und Himmel berühren […][1]

Das eher pathetisch klingende Wort ehrfürchtig, aber auch der Ausdruck Urmechanismus von Erde und Himmel ließen mich innehalten.  Mir kamen erst einmal Gedanken wie: unzeitgemäß, altbacken, überheblich. Andererseits war ich aber auch seltsam berührt.

Warum berührte es mich?

Es berührt mich, weil hier jemand den Mut hatte, gerade in einem therapeutisch – wissenschaftlichen Kontext ganz selbstverständlich einen zutiefst menschlichen Begriff zu benutzen.  Um uns in einer modernen Medizinwelt zu etablieren, die immer wissenschaftlicher wird, zahlen wir einen hohen Preis: Begriffe wie ehrfürchtig, (Demut, Liebe, Menschlichkeit) verschwinden aus der therapeutischen Literatur – und damit auch aus unserem klinischen Alltag und damit schließlich auch aus unserem Bewusstsein.

Ein Wesenszug der Osteopathie, so wie ich es als Vertreterin des Upledger Institut Deutschlands verstehe, ist der Respekt vor dem Menschen, Respekt davor was den Menschen ausmacht in all seiner Gesamtheit.

Wäre es da nicht nur konsequent, in unseren Schriften und in unserer Sprache wieder mehr menschliche Ausdrücke zu verwenden? Nicht pathetisch, sondern mutig, ruhig, uns selbstverständlich – so wie es einer der Gründerväter der Osteopathie getan hat.

Theresa Nivelnkötter

praxis@osteopathie-paehl.de


[1] Aus der Abschlussrede des Jahres 1898, an die Studenten der American School of Osteopathy, in: JM Littlejohn, 2009. Das große Littlejohn-Kompendium (https://www.jolandos.de/shop/literatur/jolandos-titel/45/das-grosse-littlejohn-kompendium?number=679564), JOLANDOS Verlag, Pähl. S. 17

Diagnostische und therapeutische Kriterien – ein Plädoyer für die Befragung des Patienten

Die Entwicklung der Technik zur Erhebung von Bioinformationen über Mobiltelefone und andere Sensoren nimmt rasant zu. Eine ganze Industrie beschäftigt sich mit den Vorteilen dieser Möglichkeiten. Es ist nicht zu bestreiten, dass über dieser Technik viel Informationen, sowohl über den grundsätzlichen Zustand oder das Funktionieren des Körpers, als auch über das Verhalten des Menschen zu erhalten sind und sie möglicherweise eine Hilfe bei akuten oder schleichenden Prozessen sein kann. Manche glauben auch, dass damit die oft zeitraubende Befragung des Patienten sein Ende finden wird – ist dem jedoch sinnvollerweise so?

„Diagnostische und therapeutische Kriterien – ein Plädoyer für die Befragung des Patienten“ weiterlesen

Hypothesen, immer nur Hypothesen… die alltägliche therapeutische Realität

Wie gerne hätten wir die absolute Sicherheit bei unseren Behandlungen – unsere Diagnose stimmt, die angewandten Interventionen greifen und … der Patient heilt. Leider, oder Gott sei Dank, nicht die therapeutische Realität. Das Wissen um und die Beschäftigung mit Hypothesen könnte uns einen großen Dienst erweisen und wir würden dabei möglicherweise auch noch situativ wissenschaftlich arbeiten – eine große Chance. „Hypothesen, immer nur Hypothesen… die alltägliche therapeutische Realität“ weiterlesen